Schlagwort
Kanada. Es bedarf manchmal nur eines Wortes – und schon hat man sie, die Aufmerksamkeit. Auf einen Schlag. Oder gibt sie. Wenn auch nur für einen Moment. Dabei ist das Gespräch zwischen den beiden älteren Damen – gut situiert, so um die 60, nichts was man hören müsste, wollte. Es kratzt vielmehr an der Oberfläche – so, wie wenn man mit der Gabel über den Apfelkuchen streicht, den Puderzucker wegschiebt und überlegt, ob Rosinen drinnen sind oder nicht – und doch lässt es ins Innere gucken. Ob sie wirklich glücklich verheiratet sind? Meine Gedanken wandern…
Ich sitze nebenan, an einem Holztischchen. Es riecht nach Kaffee, Holz,
Parfum – Pachouli? Ich höre das ohrenbetäubende Geräusch der Espressomaschine. Vor mir das Firmen-Laptop aufgeklappt, ein Buch über die Kunst des Journalismus zugeklappt, das Smartphone im Flugmodus. In der Hand halte ich meinen warmen Cappuccino, löffle von der dichten Schaumkrone und gucke auf das Stück Apfelzimtkuchen, das mir gerade die italienisch-aussehende Bedienung serviert hat.
Ohne Rosinen.
Kanada. „Das musst du bedenken – sieben Stunden Zeitunterschied“, sagt die eine der beiden Damen zu ihrer Freundin. Diese nickt verständnisvoll, nippt an ihrem Espresso. „Ich habe Termine. Da geht das mit dem Telefonieren nicht einfach so“, legt sie nach, während die andere ihre Kaffee-Tasse abstellt und wieder verständnisvoll nickt. „Du kannst dir ja vorstellen, wie das ist. Da muss man dies und jenes machen. Heinz hat auch so viel zu tun in seiner Kanzlei. Und ich – ich habe eben Termine“. Ihre Freundin schaut weiterhin gutmütig.
Ich stochere mit der Gabel im Kuchen, nehme einen Schluck von dem
nunmehr lauwarmen Cappuccino und spüre das Kissen im Rücken. Es drückt. Ich beuge mich nach vorne und bemerke, dass mein Laptop in den Stand-by-Modus gehüpft ist. Ich greife zum Smartphone: 3 neue Nachrichten, 6 neue E-Mails, ein Anruf in Abwesenheit, Akku bei 18 Prozent. Ich schalte es wieder in den Flugmodus, suche in meiner Handtasche nach einem Lippenbalsam, finde aber nur einen roten Lippenstift. Ich trage auf.
Kanada. „Dreimal die Woche kommt mein Personal-Trainer – Termine
sage ich dir“, höre ich die eine der beiden Damen weiter klagen.
Ich beuge mich noch weiter nach vorne und grinse in mich hinein, hole
mein Laptop aus dem Stand-by-Modus und beginne zu tippen – Kanada.
All right in Canada
Es ist schon lustig. Da kommt man in ein fremdes Land, hört die andere Sprache – egal, ob bewusst oder unbewusst. Und schon stellt man Eigenartigkeiten fest. Und das meine ich nicht negativ. Vielmehr als eine eigene Art, kunstvoll – um nicht zu sagen künstlich – mit wenigen Worten zu kommunizieren.
Da machte ich in Florida mit meinen deutschen Reisecompagnons schon Scherze über den inflationären Gebrauch von „awesome“, das nicht nur stets und zu allem gesagt wird (Ein britisches „I’m fine“ zählt als Antwort nicht, wenn du im Trump-Land nach dem Wohlbefinden gefragt wirst), auch die Intonation muss sitzen, gelernt sein – sowie die Mimik, die man wie eine Gaga-Pokerface-Platte auflegt – abspielt!
Do you like this music, right?! Welcome to Canada! Nördlich der US-Grenze ist das „awesome“-Fieber – wie ich gehört habe – aber noch nicht ausgebrochen, right? Dafür suchen die Kanadier mit nahezu jedem Satz vergeblich nach Zustimmung – mit einem quietschenden „right“, das an jeden zweiten Satz (bedeutungslos) angehängt wird. Am liebsten würde man mal so richtig mit „wrong“ kontern…
Doch wenn ich nun denken möchte, diese Floskeln, Partikel, Worthülsen, Füllwörter – nenne es wie du willst – sind nur eine amerikanische (Kunst-)Art, meldet sich mein süddeutscher Wortschatz und protestiert, „gell“?!