Bad(en) gehen in ordentlicher Unsauberkeit

Hier sitze ich nun – mal wieder in meinem Café. Habe den Blueberry-Scone, den ich sonst allmorgendlich genieße, das Zerbröckeln des fluffigen Teiges auf meiner Zunge spüre, heruntergeschlungen. Einfach so. Happs! Das musste sein! Und auch den vergleichsweise starken Cappuccino trinke ich ohne Genuss, dafür mit Er(Füllung). Ich bin gestresst. Mein ritualisierter morgendlicher Scone-und-Kaffee-Genuss ist heute lediglich ein Gefühl von erzwungener Ordnung, Kompensation.

Ich flippe meiner Schwester ein Bild von der Wanne per WhatsApp und setze einen gelben Smiley drunter, der nicht „smilet“, sondern angewidert guckt. So wie ich – als ich die Badewanne so vorgefunden hatte: übersät mit schwarzen Fußspuren, dutzenden schwarzen Haaren, ein Rest von eingetrocknetem gelblichem Duschgel, das an dem weißen Wannen-Acryl haftet. Mein Blick wandert weiter zum Waschbecken: Eingetrocknete Zahnpasta vermengt mit Speichel kleben da, vereinzelte schwarze Haare kringeln sich auf dem aalglatten Material – und auf dem Boden liegt ein Kabel, eins mit USB-Ausgang. An der anderen Seite der Badtür, fast direkt unter dem Toilettenpapier-Halter schimmert ein braun-gelber Fleck, eingetrocknet. Rost? Oder ich weiß nicht, was sonst noch so bräunlich aussieht? Ich möchte nicht darüber nachdenken… und schließe die Tür. Von außen!

Hatte ich heute Mittag noch beschlossen, die spärliche Situation in dem Airbnb auszuhalten mein Zimmer ist eigentlich kein Zimmer. Ich überlege wie ein Zimmer wohl definiert ist – in Toronto – etymologisch. Ich lebe, nein nächtige jedenfalls in der Küche – abgegrenzt ist mein „Zimmer“ lediglich durch aufgestellte Paravents, die einen Hauch von Privatsphäre abzeichnen sollen. Schön ist das Apartment. Die Lage ist traumhaft – mitten in Downtown Toronto.

Doch warum das? Wie kann man ein Bad so hinterlassen? Und wie schafft man es, die dunklen Fußspuren in die Wanne zu malen? Auch der Kühlschrank wurde augenscheinlich noch nie gewischt. Wie gut, dass es darin kühl ist. Sonst wäre es bei den Temperaturen sicherlich ein Eldorado für Mücken, die ihre Eier legen – jene Plage hatte ich mal in Deutschland, als ich vergessen hatte, meinen Kompost zu leeren und für zehn Tage auf Reisen war. Nach meinem Rückflug flog es auch in der Wohnung. Keine gute Erinnerung…

Ich klopfe an der Schiebetür meiner temporären Mitbewohnerin, die als letzte geduscht hatte und das Bad SO hinterlassen hat. Eine junge Chinesin, die zum Studium nach Toronto gezogen ist. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie mich versteht. Ich zeige auf die Badewanne und sage ihr, dass man doch bitte das Bad sauber hinterlassen soll. Erst recht, wenn noch zwei andere Mitbewohnerinnen jenen „Refreshing-Raum“ nutzen. Sie nickt verständnisvoll, scheint aber überrascht über meine Reaktion zu sein, und greift zum Putzlappen. Ich komme mir vor wie eine Mutter, die ihr Kind zurechtweist, dass es doch besser aufräumen solle. Da ich selbst nicht für Ärger sorgen möchte, frage ich weiter, welche Regeln es im Haus gibt und wie man Müll trennt, wer und ob man putzt – und komme mir dabei ziemlich spießig vor. Zu deutsch (?). Doch – ich bin nicht spießig.

Nein, korrigiere ich selbst meinen Gedanken. Ich bin mit einem einfachen Bett zufrieden – ein bisschen Privatsphäre und Sauberkeit. Ist das zu viel verlangt? Ich meine – zwischen Ordnung und Sauberkeit gibt es Unterschiede, höre ich mich selbst rechtfertigen. Erstes ist bei mir manchmal auch nicht vorhanden – ich blicke auf meinem offenen Koffer, aus dem ich schon seit Wochen lebe. Aber eine gewisse Grundsauberkeit? Das muss doch gegeben sein! Und wenn nicht, dann arbeite ich eben dran. Herr Gott! Ist denn das so schwer, zeitintensiv? I don’t know!

Ich versuche Gründe für das schmutzige Bad zu eruieren – und trinke weiter meinen Cappuccino. Der ist mittlerweile auch nicht mehr schmackhaft… 

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