Drinnen ist es nicht wie draußen – und schon gar nicht wie das Draußen in Kanada. Selbst wenn die Sonne scheint und das Weiß romantisch funkelt. Eigentlich eine Binsenweisheit – doch heute in meiner laufenden Tat fühlbar. Ich wollte joggen gehen. Tat ich auch. Angezogen wie ein buntes Knallbonbon (für passende Farbkombis hatte ich keinen Platz in meinem Koffer): Thermounterhose, Thermopants, Sweatshirt, Ski-Jacke, Schal, Buff, Stirnband, Mütze drüber, Handschuhe an. Und dann ging’s los – mit meiner 90erMucke unter dem ganzen Stoff und im Galopp über den Gehweg. Sonntags wird hier nicht geräumt. 20 Zentimeter Schnee. Mindestens. Nur die vielen Fußspuren – nicht nur von Menschen – verrieten mir, dass ich auf dem richtigen Weg sein muss. Vorerst…

Ich laufe von einem S(l)idewalk zum anderen (manche enden einfach im Nichts, sodass man auf die Gegenseite ausweichen muss) und suche das „Laurel Creek Reservoir“. Ohne mich mehr über den Namen zu wundern, möchte ich laufend zu eben jenem See, der in Google Maps als blaue Fläche dargestellt wird. Und obwohl ich dank der Minus 16 Grad nicht in den See hätte fallen können, bin ich trotzdem irgendwie reingefallen. Den See gibt’s hier nämlich gar nicht. Oder zumindest schickt mich mein von der Kälte ganz benebeltes Smartphone in sämtliche Richtungen. Nur nicht in Richtung See, den ich eigentlich umrunden wollte. Jedes Gewässer – egal in welchem Aggregatzustand – muss doch einen Fußweg haben, meldet sich meine (typisch deutsche?) Erwartungshaltung. Doch: No way!

Stattdessen knallt mir nun die eisige Peitsche Kanadas ins Gesicht. Während die strahlende Sonne bis eben noch die kalte Luft auf minus 16 Grad aufwärmte, und allein bei ihrem Anblick alles viel wärmer schien, wird’s nun bitterkalt, dass selbst das über den Mund gezogene Schlauchtuch steinhart wird. Der frostige Wind bläst unerbittlich. Minus 25 Grad Celsius oder kälter fühle ich (noch!). Mein Gesicht schmerzt gewaltig und die Kälte steigt mir in den Kopf.
Jetzt läuft nicht mal mehr die Nase. Nur noch ich.
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